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tekom nachrichten | 4.Jahrgang | 2 / 1981 | Seite 7

Verfahren der Textanalyse (IV)

von Marianne Roller

Thema der heutigen Folge unserer Serie sind die sogenannten Lesbarkeits- oder Verständlichkeitsformeln. Diese in den USA unter dem Begriff “readability” oder “reading ease formula” entwickelten Verfahren untersuchen die Beziehung zwischen Länge oder Häufigkeit von Wörtern und Sätzen und deren Lesbarkeit. Verständlichkeitsmessungen werden auch im deutschen Sprachraum gerne und oft durchgeführt; vorwiegend findet man sie als Hilfsinstrument bei Stilanalysen.

Prof. Peter Teigeler hat die einzelnen Verfahren ausführlich und übersichtlich beschrieben:

Verständlichkeitsformeln sind aufgrund empirischer Verständlichkeitsuntersuchungen an Texten gewonnene Regressionsgleichungen, mit deren Hilfe der Schwierigkeitsgrad neuer Texte ziemlich exakt vorausgeschätzt werden kann. Bisher sind bereits über 40 verschiedene Formeln im Umlauf. Eine Vorstufe der heutigen Verständlichkeitsformeln war das Verfahren von KITSON, der 1921 die Wortlänge, gemessen in Silben, und die Satzlänge, gemessen in Worten, als Indizes für die relative Schwierigkeit der Texte zweier Zeitungen und zweier Magazine benutzte.

Die erste Verständlichkeitsformel entwickelten LIVELY und PRESSEY im Jahre 1923. Ihre Methode der Schätzung der Schwierigkeit des Textvokabulars basierte auf einer Stichprobe von 1000 Worten, die systematisch aus dem jeweils zu untersuchenden Buch ausgelesen wurden. Die Analysezeit betrug pro Buch drei Stunden. Die Verfasser zählten die Anzahl der verschiedenen Wörter. Sie gaben jedem Wort einen Schwierigkeitsindex, der auf dem Häufigkeitsmaß beruhte, das in THORNDIKEs Rangwörterbuch angegeben war. Sie bestimmten die Wörter, die in der THORNDIKE’schen Liste von 10 000 Wörtern nicht vorkamen usf.; alles in allem noch eine recht schwierige Prozedur.

Die bekannteste Formel ist diejenige, die von FLESCH 1948 veröffentlicht wurde. Diese FLESCH-Formel der Textverständlichkeit (reading ease) verlangt folgendes Vorgehen:

1. Man nehme eine Stichprobe von 100 Wörtern aus dem Textmaterial.
2. Man bestimme darin die Anzahl der Silben pro 100 Worte (w1).
3. Man bestimme darin die durchschnittliche Zahl der Worte (si) pro Satz.
4. Man setze diese Werte in folgende Formel ein:

R.E. (Reading Ease) = 206,835 - 0,846 wl - 1,015 sl

Die erreichbaren Werte gehen von 0 bis 100. Je höher der Wert, um so leichter der Text. Die Konstanten weisen diese Formel als Regressionsgleichung aus, welche an Lesetesten, die bestimmte Versuchspersonen zu 75 oder 50 % bewältigt haben, gewonnen worden ist. Die FLESCH-Formel nimmt schon weniger Zeit in Anspruch als die ersten Formeln; es gibt allerdings auch für sie schon wieder eine verbesserte und vereinfachte Formel, nämlich die, die von FARR, JENKINS und PATERSON entwickelt worden ist. Sie erfordert folgende Schritte:

1. Man nehme mehrere Stichproben zu je 100 Wörtern aus dem Textmaterial.
2. Man bestimme jeweils die Anzahl der Einsilber pro Stichprobe (nosw).
3. Man bestimme die durchschnittliche Zahl der Wörter pro Satz (sl).
4. Man setze diese Werte in folgende Formel ein:

New reading ease index = 1,599 nosw - 1,015 sl - 31,517

Diese Formel ist noch leichter anzuwenden als die von FLESCH. Sie korreliert mit dieser mit 0,93 bzw. (in anderen Untersuchungen) 0,95.

Die Verständlichkeits-Formeln beruhen hauptsächlich auf dem Prinzip, daß häufiger gebrauchte Wörter erstens leichter verständlich und zweitens kürzer sind.

Die genaueste Formel ist die DALE-CHALL-Formel:

1. Man nehme eine 100-Wort-Stichprobe.
2. Man berechne die durchschnittliche Satzlänge in Worten (X2),
3. Man berechne den Prozentsatz der Worte, die außerhalb der Liste der 300 häufigsten Wörter des Englischen (der Dale list of 3000) stehen (x1).
4. Man füge die Werte in folgende Formel ein: Xc50= 0,1579x 1+ 0,0496X 2+ 3,6365.

Diese Formel korreliert zu 0,7 mit den Leseverständniskriterien des berühmten amerikanischen McCALL-CRABBS-Lesetests.

Die bisher besprochenen Formeln eignen sich vorzüglich für die Berechnung der Schwierigkeit längerer Texte. Für Überschriften, Slogans oder kürzere Texte, die nicht einmal 100 oder auch nicht einmal 20 Worte lang sind, haben FORBES und COTTLE 1953 eine entsprechende Formel entwickelt. Ursprünglich diente ihre Formel zur Messung der Verständlichkeit von psychologischen Testverfahren. Die Formel berücksichtigt präziser die Auftretenshäufigkeit der Wörter innerhalb der Sprache, die ja mit deren Schwierigkeitsgrad zusammenhängt. Der Häufigkeitsrangplatz der in dem Text enthaltenen Wörter wird in einem Ranghäufigkeitswörterbuch der entsprechenden Sprache nachgeschlagen. Alle Wörter, die über den am meisten gebrauchten 4000 Wörtern liegen, bekommen eine Gewichtsangabe, die dem Tausend-Worte-Bereich entspricht, in dem sich das Wort befindet; wenn ein Wort zwischen 4000 und 5000 liegt, bekommt es das “Gewicht” Nr. 5. Die Gewichte werden zusammengezählt und durch die Anzahl der Wörter geteilt. Das Ergibt den Index der Wortschwierigkeit nach Forbes-Cottle.

Ein weiteres Verfahren hat Rolf W. Schirm vorgestellt: den “Fasse-Dich-Kurz-Index” (FDK-Index), der in der Vorgehensweise auf den oben beschriebenen Techniken basiert, sich jedoch bei der Bewertung dadurch von ihnen unterscheidet, daß hier ein schwer verständlicher Text einen hohen Index bekommt.

Der FDK-Index wird folgendermaßen errechnet:

1. Zählen Sie die Sätze (ohne Überschrift, Grus oder Anrede)
2. Zählen Sie die Wörter, die mehr als zwei Silben haben (ohne Namen und Fachwörter)
3. Errechnen Sie den “Fasse-Dich-Kurz-Index (FDK-Index)” nach der Formel:

FDK = Anzahl der Wörter mit mehr als 2 Silben * 10 / Anzah1 der Sätze

Ergebnis

FDK bis 10: Sehr knapper Stil (Telegramm, Fernscheiben)

FDK 11 - 25: Zeitgemäßer Stil (kurz, knapp, präzise)

FDK 26 - 50: Weitschweifiger Stil (häufig im geschäftlichen Schriftverkehr)

FDK über 50: Schwülstiger, unklarer Stil

Abschließend noch einige kritische Bemerkungen. Verständlichkeitsformeln können zugegebenermaßen etwas über den Sprachstil eines Textes aussagen, geht man davon aus, daß lange Satzkonstruktionen, - vor allem, wenn sie mehrere untergeordnete Nebensätze enthalten - unübersichtlich und unklar sein können. Die Behauptung jedoch, die Länge von Texteinheiten sage etwas über ihren Inhalt aus, kann unschwer in Zweifel gezogen werden. Durch spontan ausgewähltes Untersuchungsmaterial habe ich nachgewiesen, daß anspruchsvolle und inhaltlich nicht einfach nachvollziehbare Texte einen höheren Index haben können als allgemeinverständlichere; nach den erläuterten Verfahren müßten sie aber als “leicht lesbar” bewertet werden. Letztendlich muß auch ihre Bezeichnung als Meßinstrument zur Verständlichkeit kritisiert werden. Mit “Verständlichkeit” wird ein semantischer Aspekt angesprochen, den die beschriebenen Untersuchungstechniken jedoch nicht beinhalten. Ein weiteres Argument gegen die bedenkenlose Anwendung dieser Formeln ist die Tatsache, daß die direkte Übertragung einer für die englische Sprache entwickelten Methode auf das Deutsche von vornherein verfälschte Werte impliziert.

LITERATUR:

DALE, E. und CHALL, J.S.
A formula for predicting readability, Educ. Res. Bull. 27, 1948, 11-20 und 37-54
FARR, J.N., JENKINS, J.J. und PATERSON, D.G.
Simplification of Flesch reading ease formula. In Journal of Applied Psychology 35, 1951, 333-337
FLESCH, R.D.
How to test readability. New York 1951
FORBES, R.W. und COTTLE, W.C.
A new method for determining readability of standardized tests. In Journal of Applied Psychology 37, 1953, 185-190
KITSON, H.D.
The mind of the buyer. New York 1921
R oller, Marianne
Sprachanalytische Verfahren in Werbewissenschaft und Werbepraxis. Magisterarbeit am Fachbereich für Philosophie und Sprachwissenschaften der Universität Stuttgart. Stuttgart 1979
Schirm, Rolf W.
Kürzer-Knapper-Präziser
Teigeler, Peter
Verständlichkeit und Wirksamkeit von Sprache und Text. Stuttgart 1968


| Nr : 770 |

 
 
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