Wie können sich Unternehmen auf die Veränderungen des Marktes vorbereiten?
Der Übersetzungsmarkt in zehn Jahren – ein Ausblick
von Astrid Hager
Der Bedarf an Übersetzungsdienstleistungen ist durch die EU-Erweiterung gestiegen. Um die zunehmende Zahl an Dokumenten zu bewältigen, brauchen Sprachdienstleister Software wie CAT Tools.
Die Analysten sind sich einig: die Menge der zu übersetzenden Dokumente wird in den nächsten zehn Jahren zunehmen. Allerdings gehen die Meinungen, in welchem Umfang dies geschehen wird, auseinander. Die durch die EU-Erweiterung hervorgerufene Sprachenvielfalt führt zum Beispiel nicht nur zu mehr Übersetzungen von Dokumenten wie Protokollen oder Gesetzesentwürfen innerhalb der EU-Institutionen. Sie führt auch zu einer stärkeren Nachfrage nach Übersetzungen durch Handelsfirmen und verarbeitende Unternehmen, da die EU vorschreibt, dass alle technischen Dokumente in die Landessprachen übersetzt werden (RL 79/112/EWG).
Die Globalisierung und das mit ihr verbundene Wachstum werden zu einem enormen Aufschwung in den sogenannten GILT-Sektoren (Globalisierung, Internationalisierung, Lokalisierung und Translation) führen. Die European Union of Associations of Translations Companies (EUATC) nimmt an, dass der Übersetzungsmarkt in den nächsten Jahren ein jährliches Wachstum von ungefähr fünf Prozent verzeichnen wird. Ungeachtet der Verwendung der englischen Sprache als Lingua Franca wird eine weitere Entwicklung deutlich – der Schutz von Kulturen undSprachen. Der Übersetzungsmarkt wird ohne Zweifel von diesem Trend profitieren. Des Weiteren wird die steigende Anerkennung einer immer multilingualeren Bevölkerung in den USA und anderen Ländern die Nachfrage nach Sprachdienstleistungen erhöhen.
Zusätzlich zu diesen Entwicklungen erfordern technologische Innovationen und ständig wachsende Produktportfolios eine höhere Übersetzungsqualität und flexiblere Übersetzer und Übersetzungsbüros.
Vorbereitung auf den Übersetzermangel Die steigende Nachfrage nach Übersetzungen in der nahen Zukunft wird durch den bestehenden Mangel an Übersetzern für viele Spezialgebiete und bestimmte Sprachkombinationen intensiviert. Internationale Unternehmen, die Übersetzungsdienstleistungen in Anspruch nehmen, müssen bereit sein, sich diesen Entwicklungen anzupassen oder angemessene Maßnahmen zu treffen, um diesen Mangel zu vermeiden. Im Rahmen seiner strategischen Ausrichtung für die Zukunft sollte ein Unternehmen zunächst bestimmen, welche Texte in den nächsten fünf bis zehn Jahren übersetzt werden müssen und welche Sprachen benötigt werden.
Einige Schriften wie Werbetexte, Präsentationen oder sogar Bedienungsanleitungen für weltweit verkaufte Produkte sind bereits heute nur in Englisch verfügbar, sofern die Gesetzgebung dies erlaubt. Das rührt von der Tatsache her, dass die heutigen Empfänger und Verbraucher auf der ganzen Welt besser Englisch beherrschen. Englisch wird sich weiterhin als die allgemein genutzte Sprache in der Wissenschaft und bei der internen Unternehmenskommunikation behaupten.
Jedoch kann man durch eine gut getroffene Auswahl der zu übersetzenden Texte allein dem zu erwartenden Übersetzermangel nicht erfolgreich begegnen.
Bei Sprachen, die nur von einer relativ kleinen Bevölkerungsgruppe gesprochen werden, z.B. Estnisch, wird es eher schwierig werden, dem Übersetzermangel entgegen zu treten. Die Zahlt an Muttersprachlern wird wahrscheinlich nicht explosiv zunehmen. Die Unterstützung besserer und konsistenterer Ausbildungsmöglichkeiten für Übersetzer ist eine Möglichkeit, diese Lücke zu schließen. Übersetzer und Übersetzungsbüros, die Sprachtraining anbieten, sind stark von der Unterstützung durch Unternehmen mit ihrer praktischen Ausrichtung und ihrem konkreten Produktmaterial abhängig.
Außerdem werden Unternehmen, die Übersetzungsdienstleistungen anfordern, für ihre Übersetzer zukünftig transparenter auftreten müssen. So können sich die Übersetzer einen Überblick über die Vorgänge und die Unternehmenssprache verschaffen. Unternehmen sollten Übersetzungsdienstleistungen als Investition und nicht nur als reinen Kostenfaktor betrachten.
Eine weitere Option, dem Übersetzermangel zu begegnen, ist das Outsourcing. Zahlreiche Übersetzungen ins Englische werden zum Beispiel bereits in Indien angefertigt. Auch wenn die Qualität dieser Übersetzungen vollkommen überzeugend ist, sollten wir uns dennoch fragen, ob kulturelle Eigenheiten, zum Beispiel aus dem amerikanischen Kulturkreis, bei ausgelagerten Übersetzungen berücksichtigt werden können. Außerdem ist das Outsourcen hauptsächlich eine Möglichkeit für Übersetzungen ins Englische.
Angesichts der schnellen Zunahme von Sprachkombinationen bei Übersetzungen und den immer kürzeren Lieferzeiten wird ein professionelles Projekt- und Qualitätsmanagement zukünftig eine größere Rolle spielen. Unter Verwendung der neuesten technischen Möglichkeiten werden Übersetzungen direkt im Content-Management-System des Kunden angefertigt. Übersetzungsbüros können direkt einen Teil der Projektmanagement-Aufgaben übernehmen, die derzeit im Unternehmen ausgeführt werden. Dadurch würde die Kooperation zwischen Unternehmen und Freiberuflern vermutlich abnehmen und die Kooperation mit Übersetzungsbüros zunehmen, da nur letztere die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für große Projekte anbieten. Daher wird es zukünftig für Unternehmen entscheidend sein, mit einem Übersetzungsbüro zusammen zu arbeiten, das möglichst viele Sprachkombinationen und ein möglichst großes Technikspektrum anbietet.
Technologische Entwicklungen Die steigende Anzahl der zu übersetzenden Dokumente und ansteigende Übersetzungsvolumina mögen vielen Unternehmen Sorge bereiten, sie können aber auch als Vorteil gewertet werden. Aufgrund der großen Übersetzungsmengen wird sich eine Vielzahl von Textblöcken wiederholen. Daher wird es immer wichtiger, die Dokumentation so vorzubereiten, dass Textelemente nicht nur für weitere Dokumente, sondern auch für die Übersetzung verfügbar sind, so dass sie nicht immer wieder übersetzt werden müssen. Ein effizientes Datenmanagement-System (DMS) und Content-Management-System (CMS) sind die Grundvoraussetzungen für die Umsetzung kostengünstiger und terminologisch konsistenter Übersetzungen. Nur so kann der steigenden Nachfrage nach Qualität zukünftig entsprochen werden.
Die Anwendung von CAT-Tools wird zwingend notwendig werden, um Terminologie-Datenbanken, Glossare und ähnliches aufzubauen. Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, als ob Terminologie-Management sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, sind die Vorteile für Übersetzer und Unternehmen offensichtlich: Die Übersetzer können größere Textmengen schneller und mit weniger Aufwand übersetzen und der Kunde erhält mehr Kontrolle über die Qualität von Übersetzungen in eine Sprache, die er nicht beherrscht.
Der Markt für CAT-Tools hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Mittlerweile wird er von einigen großen Anbietern beherrscht. Muss man daher annehmen, dass Unternehmen sich für das CAT-Tool eines großen Anbieters entscheiden müssen um sicher zu gehen, dass dieses Tool auch in zehn Jahren noch verwendet wird?
Es gibt viele, die annehmen, dass die wenigen größeren Anbieter wie SDL, Software-Hersteller der führenden Software SDLX-Trados, sich in den kommenden Jahren dem Wettbewerb kleinerer Unternehmen wie Alchemy, MultiCorpora und Lingotek stellen müssen. Die neuesten Software-Entwicklungen stellen gute Alternativen zu etablierten Programmen her, einige von ihnen existieren aufgrund ihres hochtechnologischen Standards. Dank der Verbreitung von Standards für Projekte (TTX, XLIFF), Translation Memories (TMX) oder Lexika (TBX), kommt der Wahl eines Übersetzungsprogramms heute weniger Bedeutung als früher zu. Bei XML gab es vor einigen Jahren eine ähnliche Entwicklung. Das Programm, das damals für die Bearbeitung von XML-Dateien verwendet wurde, spielt heute keine entscheidende Rolle mehr. Bei der Wahl eines CAT-Tools sollten Unternehmen ihren spezifischen Ansprüchen bezüglich der Funktionalität des Tools mehr Bedeutung einräumen und weniger Wert darauf legen, dass es kompatibel ist.
Allgemeine Terminologiepools Um die terminologische Konsistenz sicherzustellen und die Terminologiearbeit zu erleichtern, stellen Unternehmen ihre Übersetzungsdatenbanken nun anderen Unternehmen zur Verfügung. Skrivanek hat vor Kurzem mit 42 weiteren führenden Unternehmen die so genannte TAUS Data Association (TDA) gegründet, die es ihren Mitgliedern ermöglicht, Übersetzungsdateien gemeinsam zu verwenden. Alle Mitglieder laden ihre Sprachkombinationen als Translation Memories oder multilinguale Glossare auf einen Server und können die Sprachpaare anderer Mitglieder herunterladen. So wird ein immenses Volumen an linguistischen Daten geschaffen.
Maschinelle Übersetzung Eine weitere Möglichkeit, mit der steigenden Zahl von Übersetzungen umzugehen, ist eine Weiterentwicklung der maschinellen Übersetzung (MT – engl.: Machine Translation). Die MT, in den späten 1940ern entwickelt und seitdem verwendet, hat einen eher zweifelhaften Ruf. Die oft fragmentarischen Übersetzungsversuche, die mittels Freeware-Tools im Internet verfügbar sind, ergeben oft überhaupt keinen Sinn und treiben dem Anwender höchstens Lachtränen in die Augen. Große Unternehmen wie IBM, Sun, SAP usw. erhalten bei der Anwendung von weiter entwickelten MT-Tools jedoch bereits erstaunliche Ergebnisse, die – natürlich – erst durch die Nachbearbeitung durch menschliche Hand druckreif werden.
Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei Arten der MT: regelbasierten Systemen und statistischen Systemen. Letztere nutzen vor allem Techniken der Wortreihung, um passende Sprachpaare zu erhalten. Die Grundvoraussetzung für statistische Systeme ist die Verfügbarkeit einer ausreichenden Menge bilingualer Dokumente.
In großen Unternehmen können statistische Übersetzungssysteme besonders gut angewandt werden, da dort große Datenvolumen in unterschiedlichen Sprachkombinationen zur Verfügung stehen und die Dokumente oft einen technischen, vereinfachten Stil aufweisen. Die herkömmliche Plattform TDA kann außerdem erheblich zur Verbesserung von statistischen Übersetzungssystemen beitragen und kann die riesigen Mengen themenbezogener Texte liefern, mit dem das entwickelte MT-System „gefüttert“ wird.
Regelbasierte Systeme basieren normalerweise auf zweisprachigen Wortlisten und Übertragungsregeln für die entsprechenden Sprachpaare. Die Grundkomponenten, mit denen diese Systeme arbeiten, sind Wörter und Kombinationsregeln für Sätze, Abschnitte und gesamte Texte. Jedes zu übersetzende Dokument muss daher in Worte, Abbildungen und Interpunktion zerlegt werden.
Viele maschinelle Übersetzungssysteme versagen jedoch bei dem Aufbau der Struktur der Zielsprache, da Syntax und Grammatik von Ausgangs- und Zielsprache sich stark unterscheiden.
Durch die sogenannte „kontrollierte Sprache“ können diese Hindernisse überwunden werden. Die Haupteigenschaften von kontrollierter Sprache sind eine vereinfachte Grammatik mit sich wiederholenden, erkennbaren Strukturen und ein Wortschatz, der nur einen Teil der Worte aus dem gesamten Wortschatz enthält. Sprachdienstleister entwickeln bereits Regelungen, um erheblich bessere Ergebnisse in der MT zu erzielen.
Auf jeden Fall raten wir Unternehmen, die in der nahen Zukunft keine maschinellen Übersetzungen anwenden möchten, sich dennoch darüber zu informieren, wie Daten, Texte und Dokumente vorbereitet werden können, damit sie irgendwann schnell mit der MT-Technologie bearbeitet werden können.
Doch auch in der Zukunft wird der Mensch noch als Kontrollinstanz benötigt werden. In Bezug auf MT wird sich der Aufgabenbereich des Übersetzers mehr auf die Nachbearbeitung verlagern. Bereits heute arbeiten speziell ausgebildete Korrektoren mit MT. Ihre Arbeit unterscheidet sich grundlegend von reinen Übersetzungs- oder Editierungsaufgaben. Jedoch kann dieser Ansatz nur erfolgreich sein, wenn er von allen Seiten angenommen und anerkannt wird, nicht nur von den Übersetzern, sondern auch von den Kunden.
This article was published in tcworld, magazine for international information management. To receive a free subscription click here!