Zwischen traditionellen Werten und modernen Standards
Das Bild, das die meisten Ausländer von Korea haben, basiert einerseits darauf, wie das Land in den Medien dargestellt wird und andererseits darauf, wie es sich bei internationalen Veranstaltungen wie der Fußball-WM 2002 präsentiert. So zeigt sich Korea als modernes Land, ähnlich den meisten westlichen Ländern. Moderne Gebäude, die die Skyline krönen, eine erstklassige Telekommunikations-Infrastruktur und westliche Ladenketten wie Starbucks in allen Städten – zwischen Seoul und vielen anderen Großstädten der Welt scheint es kaum Unterschiede zu geben. Wenn Sie allerdings genauer hinschauen, werden Sie ein vollkommen anderes Land entdecken, mit einer vielschichtigen Kultur und einzigartigen Werten, die in einer modernen Gesellschaft gedeihen.
Nach dem Koreakrieg (1950-1953) erhob sich Korea aus seinen Trümmern und entwickelte sich innerhalb von nur 50 Jahren zur zehntgrößten Industriemacht der Welt. All dies ohne die Nutzung von Bodenschätzen, die in Korea kaum vorkommen. Das größte Potenzial des Landes war und ist immer noch sein Volk. Die Halbinsel verdankt ihre Entwicklung zu einer der wichtigsten Wirtschaftsmächte fast ausschließlich ihren Einwohnern und deren Kultur.
Immer mehr Menschen aus dem Westen arbeiten heutzutage in Asien – viele davon in Korea. Selbst Geschäftsleute aus aller Welt, die nicht direkt in Korea arbeiten, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit geschäftlich mit Menschen in Korea zu tun haben. Ein altes Sprichwort besagt „andere Länder, andere Sitten". An diese sollte man sich auch in einer sich schnell entwickelnden Geschäftswelt anpassen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich die kulturelle Vielfalt in Korea und ihre Auswirkung auf internationale Geschäftbeziehungen vor Augen zu führen und zu verstehen.
Grundlegende kulturelle Werte Auch wenn Berichte über einige gewaltsame Demonstrationen von Studenten oder Arbeitern in den letzten Jahren ein anderes Bild vermittelt haben, ist die koreanische Kultur überraschend einheitlich und stabil. Die Koreaner teilen einen gemeinsamen Stolz auf das einzigartige kulturelle und linguistische Erbe ihres Landes, welches im Laufe einer langen und turbulenten Geschichte entstanden ist. Im Zuge dieser Geschichte entwickelte sich auch die große Bedeutung der Kultur in Korea, die sich auch in der koreanische Geschäftskultur widerspiegelt.
Die Kultur Koreas richtet sich nach Konfuzius Lehren einer starken Loyalität zur Familie, Respekt gegenüber Älteren und der Familie als Grundlage einer idealen Regierungsführung. Innerhalb der Gesellschaft besteht ein starker Druck sich der Gruppe anzupassen. Das Wohl der Gruppe steht über dem Wohl des Einzelnen. Dies zeigt sich im Gehorsam und der Loyalität eines Angestellten gegenüber seines Arbeitgebers und in der Tendenz, dass hochrangige Einzelpersonen Macht über die ihnen Unterstellten ausüben. Infolgedessen werden Entscheidungen in Korea nach einer formellen Vorgehensweise getroffen, die die Zustimmung eines Rangälteren beinhaltet. Dennoch glauben die Koreaner fest an eine demokratische Regierung, in der die Menschen freie Entscheidungen treffen und ihre Meinung frei äußern dürfen.
Eine hierarchische Gesellschaft Seit Jahrhunderten leben die Koreaner in einer hierarchischen Gesellschaft basierend auf vielen verschiedenen Faktoren wie Alter, sozialem Status, Geschlecht etc. Für jeden Status gelten andere Verhaltensregeln. Dieses System ist im letzten Jahrzehnt weithin „verwestlicht" worden, jedoch ist es für Koreaner und Ausländer, die in Korea leben oder Geschäfte machen, noch immer von grundlegender Bedeutung.
Zum Beispiel tauschen Koreaner bei einem ersten Treffen Visitenkarten aus – nicht nur, um den Namen des anderen zu erfahren, sondern auch dessen Titel. Kennen sie den Titel ihres Gesprächspartners, so fühlen sich Koreaner sicherer, da sie nun wissen, wie sie sich verhalten müssen. Je höher der Titel des Gegenübers und je bekannter sein Unternehmen, desto mehr Prestige genießt er. Wenn Sie sich in einem Treffen mit mehreren Teilnehmern befinden, müssen Sie wissen, wen Sie während der Diskussion ansprechen dürfen. Beispielsweise sollten alle wichtigen Fragen und Entscheidungen an den Teilnehmer mit dem höchsten Rang gerichtet werden; andere Details können auch mit Teilnehmern niedrigeren Rangs besprochen werden.
Da es unerlässlich ist, die soziale Stellung und den Rang einer Person zu kennen und zu wissen, welche Etikette auf welcher Ebene angebracht ist, ist es für Koreaner (und Ausländer in Korea) sehr wichtig, bei einem ersten Treffen schnell festzustellen, welchen Status der Gegenüber genießt. Daher stellen Koreaner oft persönliche Fragen, obwohl man sie zum ersten Mal trifft (z.B. nach dem Alter ihres Gesprächpartners). Ausländer sollten dies nicht als Beleidigung ansehen, sondern als Teil dieses Einschätz-Prozesses.
Loyalität Im Einklang mit der konfuzianischen Kultur sehen Koreaner die Loyalität als eine der höchsten Tugenden an. Anders als in anderen asiatischen Ländern, liegt der Schwerpunkt jedoch eher in der Loyalität zum Vorgesetzten als zum gesamten Unternehmen. Dies mag seltsam erscheinen angesichts des starken Gruppenbewusstseins der Koreaner. Wenn Sie allerdings in Betracht ziehen, dass die/der Vorgesetzte oft als Mutter-/Vaterfigur gesehen wird, dann passt dieses Verhalten zu der Vorstellung von Loyalität des Konfuzius.
Ausländische Unternehmen oder Ausländer, die in Korea arbeiten, müssen also beachten, dass die Beziehung zwischen Geschäftsführern und Angestellten von größter Bedeutung ist. Ausländische Arbeitgeber tragen in Korea die Verantwortung, eine auf Integrität und Vertrauen aufbauende persönliche Beziehung zu ihren koreanischen Angestellten herzustellen und aufrecht zu erhalten. Das Vertrauen der Koreaner ist nicht leicht zu gewinnen. Hat man es jedoch einmal gewonnen, wird es einem ein Leben lang entgegen gebracht. Koreaner tendieren dazu, denjenigen zu vertrauen und zu respektieren, zu denen sie eine persönliche Beziehung aufgebaut haben. Daher ist es unerlässlich, gute persönliche Beziehungen zu pflegen. Wird dies nicht getan, werden die Angestellten bei nächster Gelegenheit zu einem anderen Unternehmen wechseln.
Persönliche Beziehungen — der bedeutendste Geschäftsfaktor in Korea Starke persönliche Beziehungen und Verbindungen sind auf der ganzen Welt wichtig für das Geschäftsleben. In Korea wird ihnen jedoch eine ganz neue Bedeutung auf ganz anderer Ebene zuteil. Auch in westlichen Gesellschaften spielen Verwandte und Schulfreunde eine wichtige Rolle. In der koreanischen Gesellschaft können sie jedoch den Zugang zu allen geschäftlichen Beziehungen bedeuten. Die Schule, die Sie besucht haben, Ihre Verwandten und die Menschen die Sie kennen – diese Faktoren können über Erfolg oder Misserfolg im Beruf entscheiden. Die Menschen, die Sie kennen (natürlich auf freundschaftlicher Basis), sind also von unschätzbarem Wert für Ihren geschäftlichen Erfolg in Korea.
Als Ausländer ist es natürlich schwierig, diese Art von Beziehungen aufzubauen. Daher ist es für ausländische Firmen und für Einzelpersonen unerlässlich, Menschen zu kontaktieren, die über diese Beziehungen verfügen; auch wenn dies Zeit und Aufwand in Anspruch nimmt. Ist eine gute Beziehung erst einmal aufgebaut, muss sie ständig erneuert und gepflegt werden.
Beziehungen zwischen Kollegen In den meisten westlichen Betrieben sind Kollegen einfach nur Menschen, die zusammen arbeiten. Einige Unternehmen gehen jedoch weiter und bauen eine familienähnliche Atmosphäre auf. In Korea ist diese familienähnliche Umgebung die Regel, nicht die Ausnahme. Aufgrund dessen wird firmenintern vor allem ohne Worte kommuniziert. Die Kommunikation mit Koreanern durch das Erkennen von Emotionen ist für Ausländer allerdings nicht leicht. Neben der Beherrschung der koreanischen Sprache muss man sensibel für jede Nuance von nichtverbaler Sprache und Körpersprache sein und wissen, wie diese zu interpretieren sind. Daher sollte der durchschnittliche ausländische Geschäftsmann in Korea den Rat eines gut befreundeten und erfahrenen Koreaners einholen, der als sein oder ihr kultureller Dolmetscher fungiert.
Außerdem sollten ausländische Geschäftsleute bereit sein, auch außerhalb der Arbeitszeiten Zeit mit ihren Angestellten und Vorgesetzten zu verbringen um sie besser kennen zu lernen. Bei solchen Treffen tauen die Koreaner auf, nimmt man also nicht teil, wird man keine guten Beziehungen zu seinen Kollegen aufbauen.
Gastfreundschaft Auf einige Ausländer wirkt die Rolle der Gastfreundschaft aufgrund der traditionellen Etikette und ethischen Grundsätze in Korea verblüffend. Koreaner gehören zu den gastfreundlichsten Menschen der Welt, und im Geschäftsleben kann diese Gastfreundschaft so aggressiv wirken, dass westliche Besucher erstaunt und manchmal sogar geschockt sind. Wie in den meisten asiatischen und einigen westlichen Ländern gibt es auch in Korea besondere Anlässe, zu denen extravagante Speisen und starke alkoholische Getränke gereicht werden. In Geschäftssituationen gehen Koreaner üblicherweise noch über die normale Gastfreundschaft hinaus.
Besucher aus dem Ausland sollten beachten, dass für das Essen in Korea normalerweise nicht getrennt gezahlt wird. Dies wird als beleidigend (oder manchmal als geizig) angesehen. Also müssen Sie besonders bei einem Geschäftsessen die Entscheidung treffen, ob Sie die gesamte Rechnung bezahlen oder Ihren Gegenüber zahlen lassen. Getrennt zahlen ist jedenfalls keine Option. Natürlich müssen Sie hierbei auch berücksichtigen, wie hoch der Rechnungsbetrag ist, also wann er zu niedrig und wann angemessen ist.
Kultureller Zusammenstoß Heutzutage existieren mehrere koreanische Kulturen: eine ist die traditionelle koreanische Kultur mit allen oben genannten Eigenschaften. Allerdings gibt es immer mehr Koreaner, die im westlichen Kulturkreis studiert haben oder sogar in einer westlichen Gesellschaft aufgewachsen sind. Die von diesen Menschen geteilten Ansichten und ihr Verhalten entsprechen eher dem westlichen Kulturkreis als der traditionellen koreanischen Kultur. Sogar einige der jungen Koreaner, die in Korea geboren und aufgewachsen sind, tendieren eher zum westlichem Individualismus und zu westlicher Unabhängigkeit. Wenn Sie also mit koreanischen Geschäftsleuten zu tun haben, dann müssen Sie erst etwas über ihren Hintergrund in Erfahrung bringen, bevor Sie sich entscheiden, welches Verhalten ihnen gegenüber korrekt ist.
Schlussfolgerung Trotz der großen kulturellen Komplexität, die mit Geschäften in Korea einhergeht, zahlt sich der Aufwand für immer mehr ausländische Geschäftsleute aus. Korea investiert stark in die Telekommunikation und die Koreaner sind offen gegenüber neuen Produkten: daher ist Korea der ideale Ort, jedwedes neue Hi-Tech-Konzept zu testen und anzupassen, bevor es auf den Markt gebracht wird. Außerdem sind die Koreaner ehrlich, warmherzig und freundlich. Der menschliche Faktor kann in der koreanischen Geschäftswelt nicht genug geschätzt werden. Koreaner gelten eher als emotional denn als logisch handelnd. Sie gehen tiefe Freundschaften ein und ihre Loyalität ist beständig, wenn sie fair und mit Respekt behandelt werden.
Bitte beachten Sie jedoch, dass die oben genannten Informationen nur ein allgemeines und vereinfachtes Bild der koreanischen Geschäftskultur darstellen. Wie überall gibt es auch hier Ausnahmen, nicht nur bei Einzelpersonen, sondern auch bei Gruppen.
Sung Cho leitet die regionalen Tätigkeiten im Asien- und Pazifikraum von Jonckers Translation & Engineering. Sung konnte bereits weit reichende Erfahrungen sowohl auf Dienstleister- als auch auf der Diensleistungsempfängerseite sammeln. Des Weiteren verfügt er über mehr als zehn Jahre Berufserfahrung im technischen und kaufmännischen Bereich der Softwareentwicklung und Lokalisierung.