Der Begriff der „kontrollierten Sprache“ weckt noch immer negative Vorstellungen. In diesem Beitrag erfahren Sie, was kontrollierte Sprachen wirklich sind und was nicht, wo ihre Möglichkeiten und Grenzen liegen und was bei ihrer Einführung zu beachten ist. Exemplarisch lernen Sie das ASD Simplified Technical English (STE) kennen, dessen Einsatzbereich sich immer weiter ausdehnt.
Kontrollierte Sprache – diese Bezeichnung löst bei vielen Menschen Unbehagen aus: Sie assoziieren damit „Kontrolle“ oder „Überwachung“ – also etwas Negatives, die Freiheit Einschränkendes. Die deutsche Bezeichnung „kontrollierte Sprache“ ist jedoch auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen, der bei der Übertragung des englischen Ausdrucks „Controlled Language“ (kurz „CL“) ins Deutsche aufgetreten ist. Das englische Verb „to control“ bedeutet nämlich nicht „kontrollieren“ (hierfür würde man im Englischen eher das Verb „to monitor“ verwenden), sondern „steuern“ oder „regeln“. Eine „Controlled Language“ ist also keine „kontrollierte“ Sprache, sondern vielmehr eine Sprache, in die steuernd eingegriffen wird. Gründe für das steuernde Eingreifen in eine Sprache sind die Erzielung von:
Eindeutigkeit in Wortwahl und Satzbau
Konsistenz im Ausdruck
Verständlichkeit
Prägnanz
mehr Effizienz beim Einsatz übersetzungsunterstützender Werkzeuge, wie Translation-Memory-Systemen und gegebenenfalls auch maschinellen Übersetzungssystemen
leichterer Erlernbarkeit als Fremdsprache (Näheres zu diesen Gründen in [1] und [2])
Obwohl es sich bei der Bezeichnung „kontrollierte Sprache“ um eine Fehlübersetzung handelt, hat sie sich im Deutschen eingebürgert. Deshalb wird sie auch hier verwendet. Da das steuernde Eingreifen in eine Sprache immer mit einer Standardisierung verbunden ist, könnte man kontrollierte Sprachen korrekter als „standardisierte Sprachen“ bezeichnen.
Um falschen Vorstellungen vorzubeugen, muss darüber hinaus festgehalten werden, dass kontrollierte (oder standardisierte) Sprachen keine Kunstsprachen sind, wie etwa Esperanto oder Volapük. Vielmehr sind sie Teilmengen natürlicher Sprachen, die sich von ihnen dadurch unterscheiden, dass sie einen eingeschränkten Wortschatz aufweisen und nur eine eingeschränkte Palette von syntaktischen (grammatischen) Konstruktionen nutzen. Hinzu kommen können auch noch Formatierungsbeschränkungen.
Solche kontrollierten Sprachen sind kein universell geeignetes Kommunikationsmittel – sie wurden auch keineswegs mit diesem Ziel entwickelt. Während sie für expressive Texte wie Romane, Liebesbriefe, Werbeanzeigen oder Therapiegespräche ungeeignet sind, bieten sie speziell für die Textarten, für die sie entwickelt wurden, die bereits genannten Vorteile.
Geeignet sind sie für:
instruktive Texte, wie Anleitungen aller Art einschließlich Sicherheitshinweisen, und Warnschilder
Dokumente, die mit Translation-Memory-Systemen oder maschinellen Übersetzungssystemen übersetzt werden, insbesondere dann, wenn diese Dokumente in viele Zielsprachen übersetzt werden müssen
Texte, an denen mehrere Autoren schreiben, zur Sicherstellung stilistischer und terminologischer Konsistenz
Dokumente für inhomogene Zielgruppen, die von der größeren Verständlichkeit profitieren
(Noch) keine branchen-übergreifenden Standards Problematisch an kontrollierten Sprachen ist derzeit noch, dass sie jeweils auf unternehmensspezifische oder allenfalls branchenspezifische Bedürfnisse zugeschnitten sind und branchenübergreifende Standards ausstehen beziehungsweise gerade erst beginnen, sich zu etablieren. Das bedeutet für die einzelnen Unternehmen, dass sie jeweils eine auf ihre spezifischen Bedürfnisse zugeschnittene kontrollierte Sprache entwickeln müssen. Dabei brauchen sie jedoch nicht bei Null zu beginnen. In Bezug auf die syntaktischen Beschränkungen gibt es Erfahrungen aus der Verständlichkeitsforschung, die in jeder kontrollierten Sprache berücksichtigt werden sollten und daher auch in den meisten unternehmensspezifischen Style Guides und daraus entwickelten kontrollierten Sprachen zu finden sind (s. hierzu konkrete Beispiele in [1]). Was jedoch in der Regel unternehmensspezifisch in Angriff genommen werden muss, ist die Schaffung einer standardisierten Unternehmensterminologie.
Diejenige kontrollierte Sprache, die derzeit den größten Einsatzbereich hat, ist das international in der Luft- und Raumfahrtindustrie eingesetzte „Simplified Technical English“ (kurz „STE“) der AeroSpace and Defence Industries Association of Europe (kurz „ASD“), das auch in andere Industriebereiche auf dem Vormarsch ist. Bis 2004 war es unter dem Namen „AECMA Simplified English“ (SE) bekannt (AECMA – Association Européenne des Constructeurs de Matériel Aérospatial). Seine Anfänge reichen bis in die 1970er Jahre zurück.
Die kontrollierte Sprache ASD-STE100 Einen Eindruck davon, wie eine kontrollierte Sprache beschaffen ist, vermitteln die folgenden Regelbeispiele aus dem Simplified Technical English der ASD. Hierbei ist zu beachten, dass STE beziehungsweise sein Vorgänger SE im Laufe der Jahre ständig weiterentwickelt wurde und auch noch weiterentwickelt wird. Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich auf den derzeit aktuellen Stand [3].
Die Formulierungsregeln („Writing Rules“) für das STE sind in die folgenden neun Abschnitte gegliedert:
„Words“ (Wörter)
„Noun Phrases“ (Kompositabildung)
„Verbs“ (Verben)
„Sentences“ (Sätze)
„Procedures“ (Instruktionen)
„Descriptive Writing“ (Beschreibungen)
„Warnings, Cautions and Notes“ (Sicherheits- und sonstige Hinweise)
„Punctuation and Word Counts“ (Zeichensetzung und Vorgehensweise beim Wörterzählen)
„Writing Practices“ (Sonstiges)
Jeder Abschnitt umfasst im Durchschnitt sieben Regeln; insgesamt sind es 61.
Der Wortschatz des STE enthält etwa 1.500 Worteinträge, deren Bedeutung, grammatische Formen und Verwendungsweisen genau definiert sind. Für jedes Wort wird genau eine Bedeutung festgelegt. So darf das Verb „to follow“ zum Beispiel nur im Sinne von „to come after“ verwendet werden, nicht aber im Sinne von „(Regeln) befolgen“. Jedes Wort ist nur in einer Wortart zugelassen: Das Wort „estimate“ darf beispielsweise nur als Substantiv im Sinne von „a calculated approximate result“, nicht aber als Verb verwendet werden. Statt „to estimate“ muss „to make an estimate“ gebraucht werden.
Die Auswahl der Wörter, die in den Wortschatz des STE Eingang gefunden hat, ist nicht beliebig, sondern unterliegt den folgenden Kriterien:
Es wurden die häufigsten und gebräuchlichsten Wörter aufgenommen.
Kurze und einfache Wörter wurden komplizierten und langen Wörtern vorgezogen (zum Beispiel regelmäßige Verben den unregelmäßigen).
Es wurden Internationalismen bevorzugt, also Wörter, die in möglichst vielen Sprachen ähnlich sind, da sie das Erlernen als Fremdsprache erleichtern.
Redewendungen und Ähnliches, die leicht zu Missverständnissen führen, wurden ausgegrenzt.
Synonyme wurden nicht zugelassen.
Es wurden nur Wörter mit möglichst präziser Bedeutung (nicht should, would, perhaps …) und keine so genannten Füllwörter oder Füllwendungen aufgenommen.
Der Auszug aus dem STE-Wörterbuch in der folgenden Tabelle illustriert die Art, in der die lexikalischen Möglichkeiten und Einschränkungen des STE vermittelt werden:
Für Fachwörter („technical names“ und „technical verbs“) sieht das STE eine Sonderregelung vor: Da diese in technischen Texten sehr zahlreich vorkommen und außerdem herstellerspezifisch sind, wurde für sie kein Lexikon mit einem endlichen zulässigen Bestand angelegt, sondern ein Kriterienraster aufgestellt. Anhand dieses Rasters ist zu entscheiden, ob ein bestimmter Ausdruck ein „technical name“ oder ein „technical verb“ ist und dann verwendet werden darf. Ein Wort oder Symbol gilt als „technical name“, wenn es einer der folgenden Kategorien zuzuordnen ist:
Teile- und Ortsbezeichnungen von Flugzeugen (wing, cabin, fuselage, airframe)
Bezeichnungen von Werkzeugen und Ausstattungen (torque wrench, rigging pin, chock)
mathematische, wissenschaftliche und maschinentechnische Begriffe (radius, diameter, gravity, density)
Begriffe aus Navigation und Flugpraxis (altitude, skid, coordinate, heading)
Bezeichnungen für Personen und Gruppen (crew chief, copilot, air force)
Begriffe für Materialschäden (corrosion, deformation, crack, discoloration)
Beispiele für technical verbs sind Verben für Fertigungsprozesse (wie to drill, to grind, to roam) und Verben zur Beschreibung von Computerbedienschritten (wie to enter, to click und to print).
Die Formulierungsregeln für das STE lauten im Wesentlichen wie folgt:
Keine langen Sätze verwenden:
Handlungsanweisungen in Sätzen mit maximal 20 Wörtern geben.
In Beschreibungen und anderen Aussageformen darf durchschnittlich einer von zehn Sätzen bis zu 25 Wörter lang sein.
Nur eine Aussage pro Satz machen.
Vollständige Sätze konstruieren.
Zur Erteilung von Instruktionen den Imperativ verwenden.
Pro Absatz maximal sechs Sätze verwenden.
„Noun cluster“, also Aneinanderreihungen von Nomen, auflösen; die maximale Cluster-Länge umfasst drei Substantive: Nicht: The nose landing gear uplock attachment bolt is … Sondern: The bolt that attaches the uplock to the nose landing gear is …
Substantive mit Artikel verwenden.
Bei Handlungsbeschreibungen immer aktive Verben verwenden.
Als Zeitformen sind zugelassen: Present Tense, Past Tense und Simple Future.
Einige der Forderungen, die hier gestellt werden, lassen sich mit Ergebnissen der Verständlichkeitsforschung rechtfertigen, zum Beispiel die Forderung nach Imperativen in Instruktionen. Andere Forderungen erscheinen hingegen willkürlich, insbesondere die exakten Quantifizierungen, und harren noch der wissenschaftlichen Prüfung und Fundierung.
Zur Demonstration des Effekts, den die Einhaltung des ASD-STE-Regelwerks bewirkt, hier zwei Kontrastpaare:
Vom Redaktionsleitfaden zur kontrollierten Sprache Heute besitzt nahezu jedes Unternehmen, das mehrsprachige Dokumentation erstellt, einen Redaktionsleitfaden mit einer mehr oder weniger umfangreichen Sammlung von Formulierungsrichtlinien, wie sie in ähnlicher Form auch im STE zu finden sind. Die Anwendung eines solchen Redaktionsleitfadens ist bereits der erste Schritt hin zu einer kontrollierten Sprache. Unternehmen unterscheiden sich heute nicht mehr darin, ob sie eine kontrollierte Sprache benutzen oder nicht, sondern nur noch darin, wie umfassend die Sammlung der Formulierungsregeln ist und wie streng sie eingehalten werden, wie stark in die verwendete Sprache also steuernd eingegriffen, wie streng sie „kontrolliert“ wird.
Mit der Aufstellung einer mehr oder weniger umfangreichen Sammlung von Richtlinien, die beim Verfassen Technischer Dokumentation zu beachten sind, ist es jedoch nicht getan. Die Richtlinien müssen nicht nur aufgestellt, sondern auch eingehalten werden. Und damit sie eingehalten werden, müssen sie bei denjenigen, die sie anwenden sollen, auf Akzeptanz stoßen. Um diese Akzeptanz zu schaffen, sollte man Folgendes beachten:
Die Technischen Redakteure, die die Richtlinien bei ihrer Arbeit beachten müssen, sollten unbedingt in den Prozess der Erarbeitung und Zusammenstellung der Richtlinien einbezogen werden. Hierdurch wird ihre Erfahrung genutzt und sichergestellt, dass sie den Nutzen jeder einzelnen Richtlinie auch verstehen und sie daher akzeptieren.
Auch Übersetzer sollten bei der Erstellung der Formulierungsrichtlinien gehört werden. Sie wissen, welche Konstruktionen und Formulierungen bei der Übertragung in eine andere Sprache Schwierigkeiten bereiten können, zum Beispiel weil sie mehrdeutig sind, und können wertvolle Anregungen geben, wie man in den Ausgangstexten für Eindeutigkeit sorgen kann.
Der Katalog der von den Redakteuren zu beachtenden Regeln sollte in der Anfangsphase auf wesentliche Regeln beschränkt bleiben. Muss der Redakteur seitenweise Richtlinien durchsuchen, um die für seinen jeweiligen Fall relevante zu finden, mindert das die Akzeptanz. Nachdem die Redakteure die wichtigsten Leitlinien verinnerlicht haben, kann der Katalog stufenweise ausgebaut werden.
Dokumente, bei deren Abfassung die Einhaltung bestimmter Richtlinien erwartet wird, müssen auch darauf überprüft werden, ob sie wirklich richtlinienkonform sind. Das kann durch ein Lektorat geschehen. Komfortabler, effizienter und meist auch zuverlässiger ist aber der Einsatz spezieller Prüfprogramme.
Literatur [1] Göpferich, S. (2006): Textproduktion im Zeitalter der Globalisierung: Entwicklung einer Didaktik des Wissenstransfers. 2. Aufl. Tübingen: Stauffenburg. [2] Göpferich, S. (2007): Standardisierung von Kommunikation. In: Knapp, K. et al.: Angewandte Linguistik – Ein Lehrbuch. 2. Aufl. Tübingen: Francke, S. 479–502. [3] ASD (2007): ASD Simplified Technical English Specification ASD-STE 100: International specification for the preparation of maintenance documentation in a controlled language. Issue 4 (January 2007). Brüssel: InfoVision.
Univ.-Prof. Dr. Susanne Göpferich, Dipl.-Übersetzerin, lehrte von 1997 bis 2003 Technische Kommunikation und Dokumentation an der FH Karlsruhe. Seither ist sie Professorin für Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft (ITAT) der Karl-Franzens-Universität Graz, das sie seit 2005 leitet.