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Fachzeitschrift 'technische kommunikation' 3/2015

Vollständig, verständlich, rechtssicher

Ein bisschen dumm stellen

Gregor Schäfer

Ganz klar, eine Anleitung muss verständlich sein, ansonsten ist ein technisches Gerät nicht richtig zu bedienen. Doch was der eine leicht versteht, stellt den anderen vor ein Rätsel. Lässt sich Textverständlichkeit nicht neutral messen und anschließend verbessern, zum Wohle aller Leser?

Im Mai 1975, drei Jahre vor Gründung der tekom, veröffentlichte die Zeitschrift „Psychologie Heute“ einen Artikel mit dem Titel „Verständlich informieren“. Darin erklärten drei Wissenschaftler, wie sich ermitteln lässt, wann ein Text verständlich ist, welche Faktoren einen verständlichen Text ausmachen und was zu tun ist, um eine höhere Verständlichkeit zu erzielen. Und nicht zuletzt zeigten sie ein Modell, mit dem sich das Ganze analysieren und darstellen lässt – das Hamburger Verständlichkeitsmodell.

40 Jahre später stellt das Modell immer noch eine wesentliche Grundlage für die unterschiedlichsten Textsorten dar. Journalisten richten sich genauso danach wie Werbetexter oder eben auch Technische Redakteure. Je nach Textsorte verschieben sich die Gewichtungen innerhalb des Modells, das aus den Elementen „Einfachheit“, „Gliederung-Ordnung“, „Kürze-Prägnanz“ und „zusätzliche Stimulanz“ besteht. Für alle Texte gilt aber, dass es der Leser gerne einfach mag, zudem sauber und ordentlich gegliedert, egal ob er einen Zeitungsbericht liest oder eine Anleitung.

Autor des damaligen Beitrags und einer der Wissenschaftler ist Friedemann Schulz von Thun, Professor an der Universität Hamburg und Leiter des Schulz von Thun Instituts für Kommunikation. Was denkt er heute über die Verständlichkeit von Texten? Und hält das Modell der heutigen Informationsflut stand?

Schäfer: Wann haben Sie zum letzten Mal einen Text gelesen, den Sie nicht verstanden haben? Und was waren die Gründe dafür?
Schulz von Thun:
Gerade gestern, es handelte sich um eine Buchbesprechung, die mich durchaus interessiert hätte. Der Autor ging völlig auf in der Welt seiner Gelehrsamkeit, die er sich in den letzten Jahrzehnten erobert hatte. Aber auch einen Brief von meiner Kfz-Versicherung habe ich kürzlich nicht verstanden: Hä!?

Was würden Sie dem Autor dieses Textes empfehlen?
Stell dir vor, du hast einen Zehnjährigen vor dir, dem du deine wichtigsten Gedanken verklickern willst. Stattdessen hast du offenbar eine Habilitations-Kommission vor Augen. Schick sie nach Hause!

Warum tun sich Autoren schwer, verständliche Texte zu schreiben?
Manche möchten sich ein Denkmal ihres Hochniveaus setzen und kämen sich bei verständlicher Ausdrucksweise zu banal, zu normalmenschlich vor. Anderen mangelt es an kognitiver Empathie, wie ich das nenne: An der Fähigkeit, sich vorzustellen, was im Kopf eines Lesers vor sich geht, der nicht in der eigenen Gedankenwelt zu Hause ist.
Allerdings ist es eine Kunst, verständlich etwas erklären zu können. Denken wir an unsere Lehrer zurück: Einige konnten das hervorragend, bei anderen war es immer etwas wirr und umständlich. Es hängt also nicht nur vom guten Willen ab. Aber ein gutes angeleitetes Training kann uns dieser Kunst näher bringen.

Vor etwa 40 Jahren haben Sie das Hamburger Verständlichkeitsmodell entwickelt, wie sind Sie auf die Idee dazu gekommen?
Auf die Idee war mein Doktorvater Reinhard Tausch gekommen. Er war Universitätsprofessor und konnte viele Texte seiner Kollegen, aber auch Gebrauchsanweisungen und Versicherungsverträge, die er unterschreiben sollte, nicht verstehen. Er hatte den Verdacht, dass all dies verständlicher gestaltet werden könnte. Ich selbst war der erste Profiteur dieser Forschung. Meine Bücher wären ganz gewiss keine Bestseller geworden, wenn ich mir nicht unsere Forschungsergebnisse zu eigen gemacht hätte.

Können Sie das Verständlichkeitsmodell auf einen Nenner bringen?
Verständlichkeit steht nicht auf einem, sondern auf vier Beinen! Erstens, sprich einfach wie ein normaler Mensch – nicht wie ein Universitätsgelehrter. Zweitens, mach den Bauplan deiner Ausführung sichtbar – wie gliedert sich das Ganze und wo verläuft der rote Faden? Drittens, bring das Wichtigste auf den Punkt, mit einer prägnanten Formulierung oder einer guten Abbildung. Und viertens, mach das Ganze ein wenig lebendig: mit Metaphern, mit lebensnahen Beispielen, mit allem, was dir einfällt, um den Leser bei der Stange zu halten.

Wie fiel damals die Resonanz auf das Verständlichkeitsmodell aus?
Es war kein Knüller, der einen Ruck durch das ganze Land hervorgebracht hätte. Aber es gab viel Zustimmung und den Wunsch, die Fähigkeit zur Verständlichkeit zu trainieren, vom Landesrechnungshof bis hin zu Journalisten aus Radio und Fernsehen. Unser Buch ist kürzlich in der zehnten Auflage neu erschienen, immerhin 40 Jahre nach seiner ersten Erscheinung.

Passieren heute noch die gleichen Fehler? Oder haben sich die Ursachen für unverständliche Texte geändert?
Manches hat sich spürbar gebessert, auch im Zuge der vielfach angestrebten Kundenfreundlichkeit. Vieles ist aber auch wie ehedem, besonders die verständliche Kommunikation derer, die in der digitalen Welt zu Hause sind, gegenüber denen, die hier wie der Ochs vor dem Berg stehen. Da bleibt vieles noch zu wünschen übrig.

Lässt sich das Hamburger Verständlichkeitsmodell heute noch anwenden? Oder an welcher Stelle müsste es überarbeitet werden?
Unbedingt noch heute, und gerade heute, ist es anzuwenden. Die Kunst der Info-Grafik sollte hinzukommen und ein Training in kognitiver Empathie. Also in der Fähigkeit, sich einzudenken und einzufühlen in jemanden, der meine Worte vernimmt, aber nicht über meinen Hintergrund verfügt, in den er sie einordnen könnte.

Was würden Sie einem Autor empfehlen, der Gebrauchsanleitungen schreibt? Wie wird er vom Leser besser verstanden?
Stell dir einen Menschen vor, der von Tuten und Blasen wenig Ahnung hat und zudem seine liebe Not, die Bedeutung deiner Worte in seinem eigenen Kopf entstehen zu lassen. Stell dich selber ein bisschen dumm, denn allzu klug redest du über die Köpfe hinweg. Und mach dir bewusst, was dir selbstverständlich ist. Es sind diese „impliziten Selbstverständlichkeiten“, die vermeintlich nicht erwähnt werden müssen, die beim Leser zur Lücke werden.

Und was sollte ein Leser tun, wenn er einen Text nicht verstanden hat?
Es lässt sich leichter sagen, was er nicht tun sollte: sich selbst für dumm und dämlich halten, an den Fingernägeln kauen oder gar Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit des Autors entwickeln. Zuweilen lohnt es sich, mithilfe kleiner selbst verfertigter Abbildungen und durch Nachschlagen von Begriffen das Gemeinte aus dem Gesagten zu erschließen. Und zu hoffen, dass dies keine vergebliche Liebesmüh sein wird.

 

Wie Menschen miteinander kommuni­zieren, diese Fragestellung prägt das Berufsleben von Prof. Dr. Schulz von Thun. Darüber hat er bis 2009 an der Universität Hamburg unterrichtet, außerdem Bücher und Aufsätze geschrieben. Neben dem Hamburger Verständlichkeitsmodell gehört dazu die Reihe „Miteinander reden“. 2006 entstand das Schulz von Thun Institut, ebenfalls in Hamburg. Es bietet Seminare, Beratungen und Therapien, vorrangig zur Kommunikation. info(at)schulz-von-thun.de 
www.schulz-von-thun.de
Den Beitrag aus „Psychologie Heute“ vom Mai 1975 finden Sie als PDF auf www.tekom.de/fachartikel/anwenderunterstuetzung/verstaendlichinformieren.html  Er wurde geringfügig überarbeitet und an die heutige Rechtschreibung angepasst. Oder Sie fordern das PDF des Beitrags per E-Mail an: redaktion@tekom.de.

Gregor Schäfer ist Redakteur der Fachzeitschrift 'technische kommunikation'. Seit 1999 arbeitet er bei der tekom, neben der Zeitschrift betreut er die Pressearbeit des Fachverbands.
g.schaefer(at)tekom.de
www.tekom.de

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